
Das kleine Baby hatte keine Chance. Nicht einmal eine Stunde durfte es seine Welt entdecken, dann musste der Säugling sterben. Es war ein Mädchen, bereits das dritte in der Familie. Die Eltern hätten sich ein weiteres nicht leisten können. So drückten sie dem schreienden Neugeborenen ein Kissen auf das Gesicht, bis es leiser wurde und schließlich verstummte.
Das kleine Mädchen ist kein Einzelfall. In Indien wurden in den letzten 20 Jahren etwa zehn Millionen Mädchen getötet oder abgetrieben. Zehn Millionen Babys, deren einziges »Verbrechen« es war, als Mädchen auf die Welt zu kommen.
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Die Ursachen für die Tötungen sind vielfältig. Viele Mädchen würden von ihren Eltern als Belastung empfunden, erklärt die indische Ministerin für Frauen und Kinderentwicklung, Renuka Chowdhury.
Oft ist es die Angst vor der hohen Mitgift, die bei der Heirat eines Mädchens zu zahlen ist. Obwohl die Aussteuer offiziell verboten ist, besteht der Brauch vor allem auf dem Land weiter. Traditionell ist die Brautfamilie zur Veranstaltung der Hochzeitsfeier verpflichtet umd muss dem Bräutigam Schmuck, Ländereien und Geld zahlen. So wird ein Mädchenleben in Indien zum Luxus. Doch auch wohlhabende Familien empfinden die Geburt eines Mädchens als Belastung. Jungen mehren das Ansehen der Sippe, verdienen später Geld und tragen den Familiennamen weiter. Mädchen dagegen gelten prinzipiell als nutzloser Kostenfaktor, oft sogar als finanzieller Ruin der Familie.
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Die indische Regierung hat die Frühbestimmung des Geschlechts per Ultraschall verboten. Doch die Untersuchungen sind mittlerweile traurige Routine; täglich werden etwa 7.000 Kinder in Indien gezielt abgetrieben, die meisten von ihnen sind Mädchen.
Die Tötungsmethoden für Neugeborene sind ebenso vielfältig wie brutal: Babys werden vergiftet, in eiskalte Tücher gewickelt oder auf Müllhalden ausgesetzt. Ministerin Chowdhury berichtet von grausamen Praktiken in einigen Bundesstaaten: »Wenn das Kind gerade zur Welt gekommen ist und es den Mund aufmacht um zu schreien, stopfen die Eltern Sand in den Mund und die Nase des Mädchens, so dass es erstickt.« Andere Eltern würden ihre Töchter bei lebendigem Leib begraben oder sie kopfüber aufhängen »wie einen Blumenstrauß zum Trocknen«, so die Ministerin.
Seit 1994 wird Kindstötung juristisch verfolgt. Um die Straftat zu verschleiern, verlegen sich Eltern auf die unzureichende Versorgung der Töchter mit Nahrung und Medikamenten.
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»Geschenke der Hoffnung e.V.« setzt sich ein für Mädchen in Indien. Das »Baby-Not-Projekt« im Bundesstaat Tamil Nadu rettet neugeborene Mädchen vor Tötung und Vernachlässigung und bietet ihnen ein neues Zuhause. 22 Mädchen leben mittlerweile im Kinderhaus. Sie erhalten eine Schulausbildung, medizinische Versorgung, regelmäßige Mahlzeiten und liebevolle Betreuung. Gleichzeitig führen die Projektmitarbeiter umfassende Aufklärungsmaßnahmen für Mütter und Familien durch und engagieren sich für Kinder- und Frauenrechte.
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