Bulgarien:

Kleine Wunder

 

Dass ein kleiner Schuhkarton bitterarmen Kindern so große Freude bringt, bewegt mich immer wieder. Besonders intensiv erlebte ich dies in der Roma-Siedlung in Sredec: Zuerst wurden wir von rund 15 Kindern begrüßt, die in eisiger Schneekälte Lieder für uns sangen. Bestürzt sah ich, dass sie teilweise die viel zu großen Schuhe ihrer Eltern oder sogar Badelatschen trugen. Manche Kinder schützten weder Strümpfe noch Mützen, Schals oder Handschuhe vor dem Winter. Aber sie strahlten uns mit erwartungsvollen Augen an.

 

Zum Verteilen der Schuhkartons zogen wir dann von Haus zu Hütte. Dabei fielen mir vor allem zerbrochene Fensterscheiben auf, die nur durch Plastikfolien ersetzt waren. Zum Glück war es in den Unterkünften wohlig warm. Wir kamen schließlich zu einem Vater, der stolz vor seinem Haus stand und uns einlud, herein zu kommen. Seine sechs Kinder begrüßten uns fröhlich. Die kleinste Tochter – sie war zwei Jahre alt – war barfuss: Sie besaß keine Schuhe. Sie tat mir so leid! Ich konnte es kaum ertragen. Wie froh war ich, die Schuhkartongeschenke zu verteilen. Die Kinder öffneten sie und freuten sich riesig über die Kuscheltiere und die Süßigkeiten. Für das kleine Mädchen war die Freude wahrscheinlich am größten: In ihrem Karton waren tatsächlich Schuhe – welch ein Schatz! Solch kleine Wunder passierten bei den Verteilungen immer wieder. Der Vater strahlte mich an. „Riba, Riba!“, rief er und winkte mich hinters Haus. Dort lag eine Plastiktüte auf einer alten Holzkarre. Stolz öffnete er sie und zeigte mir ein paar kleine Fische. Überglücklich vor Freude wollte er sie uns schenken.

 

Evelyne Reinhardt, Regionalleiterin West

 

 

Evelyne Reinhardt wurde unter anderem von Hildegard Knoch-Will, der Sammelstellenleiterin in Bergisch-Gladbach, begleitet. Sie berichtet, welche Tür „Weihnachten im Schuhkarton“ für sie und die Menschen in ihrer Region geöffnet hat:

 

Schuhe für Bulgarien

 

Das Schönste am Schenken ist die Freude der anderen zu erleben. Und damit bin ich vor Weihnachten reichlich beschenkt worden, als wir in Bulgarien Geschenk-Pakete verteilten und uns mit den Kindern freuen durften. Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl, den Kindern mit den Schuhkartons etwas „Wärme“ in ihr Leben bringen zu können – und ihre unbeschreibliche Freude darüber zu sehen. Sie wird mir immer in Erinnerung bleiben – ebenso aber auch die Armut, die uns begegnete, als wir Schuhkartons in überwiegend ärmlichere Siedlungen brachten. Dort lebten Menschen dicht zusammengedrängt in notdürftig eingerichteten Hütten unter bestürzenden Umständen – und das an einem Ort, der nur 30 Kilometer von den berühmten Tourismusstränden in Burgas an der Schwarzmeerküste entfernt liegt. Schließlich hörten wir sogar, dass 18 Kinder nicht in einen Kindergarten kommen konnten, weil sie keine Schuhe haben. Dass die Not so groß ist, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen – bis wir das Leid mit eigenen Augen sahen: Frierende Kinder, die tatsächlich keine Schuhe besitzen und deshalb nicht zur Schule gehen können.

 

Bei ihrem Anblick war mir ein neues Projekt buchstäblich vor die Füße gelegt: Privat stellten wir die Hilfsinitiative „Schuhe für Bulgarien“ auf die Beine. Gleich, nachdem wir wieder zuhause angekommen waren, sammelten wir gut erhaltene Kinder- und Erwachsenenschuhe, um sie mit Hilfe der christlichen Partnerorganisation in Burgas an bedürftige Familien zu verteilen. Die Spendenbereitschaft der Menschen in Bergisch-Gladbach war überwältigend: Sieben Kartons mit rund 140 Paar Schuhen und Kinderkleidung haben bereits die Reise nach Bulgarien angetreten. Weitere Schuh-Berge türmen sich bei mir zuhause. Die unbeschreibliche Freude der Kinder darüber kann ich mir sehr gut vorstellen: Ich habe sie ja hundertfach erlebt, als unsere Geschenk-Schuhkartons für die Kinder zu wahren Schatzkisten wurden.

 

Hildegard Knoch-Will, Sammelstellenleiterin in Bergisch-Gladbach

 

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