Georgien:
Schuhkartons der Hoffnung
Von Merab Oragvelidze, Projektkoordinator für die Schuhkartonverteilungen in Georgien, hat uns ein herzlicher Dankesbrief in brüchigem Deutsch erreicht. Hier können Sie ihn lesen. |
Die Lebensverhältnisse in Georgien unterscheiden sich sehr von westlichen Standards: In einem Außenbezirk von Tbilisi, wo wir Geschenke verteilten, war die Not der Menschen groß – und die Umgebung tat ihr Übriges: Durch die unbefestigten und vom Regen aufgeweichten Wege wirkte alles noch ärmer, als es ohnehin schon ist. Eine Grasnarbe war nirgends zu sehen, etwas Grünes suchten wir zum Teil vergeblich. Auf der Straße trieb ein Hirte seine Schweine davon.
Auch das Innere der Häuser war wenig tröstlich: Ausgestattet waren die meisten nur mit dem Notwendigsten – mit Bett, Ofen, Tisch und ein paar spärlichen Küchenutensilien. Über allem lag ein brauner Film. Möbel waren ramponiert, Tapeten vergilbt und Wände durch die Feuchtigkeit ausgebeult. Wie wohltuend war es da, Kindern, die in dieser Umgebung Tag für Tag leben, mit den Schuhkartons eine Freude bereiten zu dürfen.
Zum Beispiel auch den Mädchen und Jungen des örtlichen Kindergartens. Das Gebäude – oder das, was davon übrig war – sah nicht viel besser aus als die restliche Umgebung: Die Fenster des einst schmucken, zweistöckigen, lang gezogenen Fachwerkhauses waren größtenteils zerbrochen. Der „Rest“ des Hauses im hinteren Hofbereich wurde als Kindergarten genutzt. Keine zwei Meter dahinter befand sich das Klohäuschen. Als wir das kärgliche Aufenthaltszimmer betraten, richteten sich 14 gespannt wartende Augenpaare auf uns. Die Kleinen nahmen regen Anteil an dem Programm, das für sie vorbereitet wurde. Als schließlich vor jedem Kind ein bunt beklebter Schuhkarton stand, wurde auf drei gezählt und alle Geschenke gleichzeitig geöffnet. Schon begann das Durcheinanderrufen, Jauchzen und Staunen. Stolz wurden den Erzieherinnen die Päckcheninhalte gezeigt. Alles wurde bestaunt, begutachtet und über manches auch gerätselt, bis die geöffnete Packung den Inhalt offenbarte. Das Strahlen der Kinder ist für mich einfach unvergesslich.
Aus „Weihnachten im Schuhkarton“ ist in Georgien ein großes, überkonfessionelles Projekt geworden, das mit den Geschenken aus 2009 in den Augen rund 100.000 Not leidender Kinder ein Licht anzündet. Das Verteilteam besteht aus unterschiedlichen Konfessionen: Adventisten, Pfingstler, unabhängige Baptisten und Vertreter der Union der Baptisten, Lutheraner sowie einem orthodoxen Priester. Wir waren unter anderem mit Verteilkoordinator Merab Oragvelidze unterwegs. Er erzählte den Jungen und Mädchen stets von Gottes Liebe und stellte ein Heftchen mit kindgerechten Bibelgeschichten vor. Nach dem Verteilen der Geschenke gab es immer ein paar Kinder, die zuerst in der Geschichte lasen, bevor sie ihr Päckchen öffneten. Mir fiel auch auf, dass die Mädchen und Jungen wechselseitig in ihre Schatzkisten schauten, sie aufgeregt durchwühlten und dann einen Gegenstand begeistert hochhielten, um ihn anschließend bewundernd zurück zu legen. Ein Junge bekam einen Pullover, der ihm noch zu groß ist und freute sich über die Maßen. Im weiteren Verlauf unserer Reise hörten wir immer wieder, wie wichtig die Geschenke aus Deutschland sind: weil sie nämlich auch warme Kleidung enthalten.
Den traurigen Höhepunkt unserer Reise erlebten wir jedoch, als wir zwei kranke Kinder, die nicht in die Schule kommen konnten, besuchten. Über aufgeweichte Straßen fuhren wir in ein abgelegenes Dorf in der Nähe von Asureti und blieben schließlich vor einer scheinbar verlassenen Bauruine stehen. „Hier sollen Menschen wohnen?“, fragten wir uns erschrocken, während uns schon ein Junge und ein etwas älteres Mädchen entgegenkamen. Sie luden uns ein, durch den Bretterverschlag der Tür näher zu kommen. Was wir dann sahen, rührte uns zu Tränen: Der etwa zwei Meter breite und acht Meter lange Streifen entlang der Grundmauer im Erdgeschoß war in zwei Räume geteilt. Wir standen im vorderen. Zu unserer Rechten war ein verschmutztes Bett, in dem ein kleiner Junge schlief. Der zweijährige Alexej war krank. Sein Bruder, Lexi (6), und seine Schwester, Ana-Maria (8), lehnten in freudiger Erwartung an einem schiefen Küchentisch. Mit gedämpften Stimmen unterhielten sie sich mit Merab, dem Verteilkoordinator. Obwohl er die oft elenden Lebensverhältnisse in seinem Land kennt, war auch in seinem Gesicht tiefstes Entsetzen zu lesen. Die Mutter war nicht da, einen Vater gibt es nicht. Dafür stand direkt neben der Tür Maria, die Großmutter, vor einem kleinen, kalten Ofen, auf dem ein zerbeulter, brauner Teekessel stand. Im angrenzenden Zimmer entdeckten wir noch zwei weitere Betten hintereinander an der Wand. Die dicken Federdecken waren zusammengefallen und gelblich braun. Überall war es kalt und feucht. Am Ende dieses langen Wohnschlauches stapelten sich vergilbte Bücher und Zeitschriften in morschen Regalwänden. Was die Umgebung besonders schlimm machte, war die Dunkelheit in beiden Räumen: Es gab weder Licht noch fließend Wasser – und draußen war es taghell. Bei uns hallte der Besuch noch lang nach: Erschüttert schmiedeten wir Pläne über weitere Hilfsmöglichkeiten für diese Familie. Sie brauchen dringend ein trockenes und warmes Zuhause. Sofort entschied Merab, seiner Gemeinde mit einer Videoaufnahme das Elend dieser Familie zu zeigen, damit sie es mit eigenen Augen sehen konnten. Auch wenn sie selbst wenig haben, will er mit ein paar Helfern und Baumaterial zurückkommen und die notwendigsten Wohnbedürfnisse stillen. Auch Grundnahrungsmittel und Kleidung will er mitbringen. Für die Zwischenzeit haben die Schuhkartons eine Verbindung hergestellt und ein Hoffnungszeichen gesetzt: Ana-Maria’s Gesicht strahlte auf, als sie sich den dicken Schlupfschal überstülpte. Gleich darauf rief sie voller Freude „Buntstifte“ und bewunderte glücklich die verschiedenen Farben. Auch die Großmutter war unbeschreiblich dankbar, dass wir an ihre Enkel gedacht hatten. Ein Anfang ist gemacht.
Diana Molnar, Projektleiterin von „Weihnachten im Schuhkarton“
Lesen Sie hier weiter:
- Verteilung im Kosovo
- Verteilung in Serbien
- Verteilung in Bulgarien
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