Dalits und das Kastensystem


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Dalits und das Kastensystem

Das Kastensystem

Die Praxis der "Unberührbarkeit" wurde mit der Verfassung von 1949 abgeschafft; laut dem Gesetz sind alle Inder gleich. Vor allem in ländlichen Gebieten, in denen 68 Prozent der indischen Bevölkerung leben, ist das Kastensystem jedoch bis heute stark verankert und bestimmt dort Alltag und Lebensverlauf der Menschen. Obwohl es viele Theorien über seine historische Entwicklung gibt und es in seiner Rigidität oftmals umstritten ist, hat es in seiner heutigen Ausprägung deutliche Auswirkungen auf das Leben von vielen Millionen Indern.

Das Kastensystem teilt die Gesellschaft hierarchisch in unterschiedliche Kasten auf und weist diesen je unterschiedliche Rechte und Pflichten zu. Laut hinduistischer Mythologie sind die vier Kasten (Varna) aus dem Ur-Menschen Purusha entstanden: Die Brahmanen (Priester) aus dem Mund, die Kshatriya (Krieger) aus der Schulter, die Vaishya (Händler) aus einem Schenkel und aus der Fußsohle die Shudra (Bediensteten). Jede Kaste ist zudem in zahlreiche Subkasten (Jatis) unterteilt. Brahmanen, Kshatriya und Vaishya bilden die oberen Kasten, sie machen jedoch insgesamt nur ca. 15 Prozent der Bevölkerung aus. Die Shudras stellen die unterste Kaste dar, ihr gehören ca. 60 Prozent der indischen Bevölkerung an. Außerhalb des Kastensystems im Sinne der vier Varna stehen die Dalits und Adivasi (indigene Stammesbevölkerung). Sie teilen sich jedoch auch in zahlreiche Subkasten auf. Laut Mythologie haben sie keinen göttlichen Ursprung und gelten dadurch als unerwünscht, unrein und unwürdig.

Das Kastensystem ist untrennbar mit dem Hinduismus verbunden. In eine Kaste hineingeboren zu werden, bedeutet oft ein unveränderliches Schicksal hinnehmen zu müssen - ein Wechsel der Kaste ist ausgeschlossen beziehungsweise nur durch Wiedergeburt und dem Erdulden des Status quo möglich. Da Hindus an das karmische Prinzip glauben, gilt es für Dalits, ihr Schicksal als Strafe aus einem früheren Leben hinzunehmen. Darüber hinaus hat der Gedanke der Reinheit im Hinduismus wie im Kastenwesen einen großen Stellenwert.


Bestimmte Rechte und reine Tätigkeiten wie das Priestertum und spirituelle Handlungen sind nur höheren Kasten vorbehalten, während Handel und als unrein geltende Tätigkeiten wie Straßenreinigung oder Tierkadaverbeseitigung von den niederen Kasten oder Kastenlosen übernommen werden. Viele Hindus meiden den direkten oder sogar indirekten Kontakt zu Dalits, da sie als so unrein gelten, dass sie sich allein durch den bloßen Kontakt mit ihnen verunreinigen würden. Diese Aufteilung reicht bis in die Ausübung der hinduistischen Religion, wo bestimmte Gottheiten nur für höhere Kasten zugänglich sind und Tempel von Kastenlosen nicht betreten werden dürfen. Die Kastenzugehörigkeit hat darüber hinaus großen Einfluss auf Eheschließungen. Ursprünglich durften Ehen nur in der gleichen (Sub-)Kaste geschlossen werden. Vor allem in den Städten kommt es aber immer häufiger zu Eheschließungen zwischen Angehörigen verschiedener Kasten, welche jedoch oft mit Konflikten in den jeweiligen Familien verbunden sind.

Dalits

Den Namen "Dalit" gaben sich die "Unberührbaren" selbst, um auf ihren gesellschaftlichen Zustand hinzuweisen. Er geht auf das alt-indische Wort "dal" zurück, was übersetzt in etwa "gebrochen" oder "zertreten" bedeutet.

Die Lebenswelt vieler Dalits ist gezeichnet von Armut, Unterdrückung und willkürlicher Gewalt. Viele von ihnen arbeiten auf den Feldern, auf Baustellen oder in Steinbrüchen in sklavenähnlichen Zuständen, wo sie harte körperliche Arbeit verrichten und einen Lohn von rund einem Dollar am Tag hinnehmen müssen. Frauen arbeiten meistens für die Hälfte des Lohns. In manchen Regionen Indiens ist unter Dalit-Frauen zudem die Tempelprostitution weit verbreitet. So werden junge Mädchen von ihren Familien in die Prostitution verkauft und müssen in Tempeln ihre Dienste verrichten, bis sie als nicht mehr begehrenswert angesehen werden. Oftmals bekommen sie in der Folge mehrere Kinder, die sie alleine und mit dem ausgrenzenden Stigma ihrer Prostituiertentätigkeit großziehen müssen.

In vielen öffentlichen Schulen werden Dalit-Kinder benachteiligt und diskriminiert, besonders auf dem Land. Sie müssen z. B. in der letzten Reihe sitzen oder auf dem Flur; oft dürfen sie nicht mit den anderen Schülern zusammen essen oder das Wasser aus einem Brunnen trinken. Es gibt sogar Lehrer, die sich weigern, Dalit-Kinder zu unterrichten. Die Folgen davon sind, dass diese Kinder ein negatives Selbstbild, wenig Selbstwert und keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben. Viele Dalits brechen die Schule frühzeitig ab und nehmen in ihrem weiteren Lebensverlauf ausbeuterische Arbeiten an, bei denen sie der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt sind.

Zahlreiche Dalit-Kinder kommen überhaupt nicht in den Genuss einer Schulbildung: Sie müssen gemeinsam mit ihren Geschwistern und Eltern für den Unterhalt der Familie sorgen oder geraten in die Fänge von Menschenhändlern. Diesen ausgegrenzten Kindern wird dadurch ein Leben in Freiheit und Würde verwehrt.

Auch wenn das Kastensystem vor allem in den Städten an Bedeutung verliert und die Diskriminierung der Dalits heutzutage auf subtilere Weise stattfindet als noch vor wenigen Jahrzehnten, sind sie immer noch zahlreichen Arten von Unterdrückung und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt. So hat eine Untersuchung in über 560 Dörfern in elf Bundesstaaten Indiens aus dem Jahr 2006 ergeben, dass 28 Prozent der Dalits keine Polizeistation betreten dürfen, Dalit-Kinder in 38 Prozent der staatlichen Schulen nicht mit den anderen Kindern zusammen essen und Dalits in 73 Prozent der Dörfer nicht die Häuser von Höherkastigen betreten dürfen (G. Shah, "Untouchability in Rural India"). Häufig leben sie räumlich getrennt von höheren Kasten und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Hier finden Sie weitergehende Informationen über das Kastensystem und die Dalits:

Bundeszentrale für politische Bildung: Kaste und Kastensystem in Indien

Südasien Info: Kaste, das Kastenwesen und die Scheduled Castes